Reduktion von Komplexität

Die in Organisationen und Projekten am häufigsten verwendete Maßnahme zur Bewältigung der Komplexität des zu steuernden Systems, die auch bereits in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hat, ist es, die Komplexität des Systems zu reduzieren. Die Reduktion von Komplexität des zu steuernden Systems bedeutet, dass man

  1. die Anzahl und die Verschiedenartigkeit der Systemteile vermindert
  2. die Anzahl und die Verschiedenartigkeit der Beziehungen zwischen den Systemteilen vermindert
  3. die Möglichkeiten zur Veränderung der Systeme und der Beziehungen vermindert

Für die Steuerung des Systems werden dadurch Möglichkeiten ausgeschlossen, die getroffenen Entscheidungen sind weniger kontingent. Um die unter 1.-3. beschriebenen Reduktionen durchführen zu können, muss jedoch Aufwand getrieben werden. Dazu ist eine Eigenkomplexität des steuernden Systems notwendig. Die Komplexität wird vom steuernden in das steuernde System verlagert. Sie tritt an anderer Stelle wieder auf.


Beispiel

In Organisationen wird viel Aufwand getrieben, um Prozesse in feste Bahnen zu lenken. Die dabei festgelegten Formalien, Formulare und Kommunikationswege können eine Komplexität gewinnen, die man in seiner Übertreibung als Bürokratie bezeichnet. In jedem Fall ist zu prüfen, an welcher Stelle, ob im steuernden oder im gesteuerten System, die Komplexität besser beherrscht werden kann und welche Ziele man verfolgt. Denn: Durch die Reduktion der Komplexität im zu steuernden System können auch positive Eigenschaften ausgeschlossen werden: Durch eine zu formale Organisation kann z.B. die Anpassungsfähigkeit an Anwenderwünsche verhindert werden oder die Entwicklungsgeschwindigkeit wird durch zu starre Regeln zu stark vermindert.


Aus unserer Erfahrung im Projektmanagement lassen sich die folgenden Faustregeln festlegen:

  • Technische Systeme, wie z.B. die Architektur eines IT-Systems, lassen sich durch die Reduktion von Komplexität besser beherrschbar machen. Derartige Systeme können mit der Metapher Maschine beschrieben werden, die für einen definierten Input einen definierten Output liefert. Das Refactoring von Software und die hierfür geltenden Grundsätze sind ein Paradebeispiel für eine gelungene Reduktion von Komplexität.
  • Lebende Systeme hingegen bewegen sich in hochkomplexen Umwelten, über die kein vollständiges Wissen erlangt werden kann und sind selbst hochkomplex. Derartige Systeme sind eher durch die selbst initiierte Steigerung der Eigenkomplexität des steuernden Systems steuerbar. Eine Reduktion von Komplexität führt unserer Erfahrung nach eher zu einer Steuerung in eine nicht gewünschte Richtung (z.B. Verlangsamung des Prozesses) und erhöht zudem in nicht gewünschter Weise und nicht selbst kontrollierbarer Weise die Eigenkomplexität des steuernden Systems. Eine derartige Entwicklung lässt sich in Organisationen häufig beobachten, in denen Projekte in zu formale und starre Formen gepresst werden.
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Letzte Änderung dieser Seite am:  27.06.2004